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Der Roman als großes Werk

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Milan Kundera setzt in seinem Essay-Band Verratene Vermächtnisse die Latte sehr hoch, oder er teilt die Romane nur anders ein?

... der größte Teil der heutigen Romanproduktion besteht aus Romanen, die außerhalb der Geschichte des Romans stehen: Beichten in Romanform, Reportagen in Romanform, Abrechnungen in Romanform, Autobiographien in Romanform, Indiskretionen in Romanform, Denunziationen in Romanform, politische Lektionen in Romanform, Todeskämpfe des Vaters in Romanform, Todeskämpfe der Mutter in Romanform, Entjungferungen in Romanform, Entbindungen in Romanform, Romane ad infinitum, Romane, die nichts Neues sagen, keine ästhetischen Ansprüche haben, keine Veränderungen bringen, weder für unser Verständis für Menschen, noch für die Form des Romans; sie gleichen einander und sind morgens perfekt konsumierbar; abends perfekt wegwerfbar.

Meiner Meinung nach können große Werke nur innerhalb der Geschichte ihrer Kunst entstehen und indem sie an ihr teilhaben. Einzig innerhalb der Geschichte kann man erfassen, was neu und was nachgesagt, was Entdeckung und was Nachahmung ist, mit anderen Worten, nur innerhalb der Geschichte kann ein Werk als Wert existieren, den man erkennen und schätzen.

Aus: Milan Kundera, Verratene Vermächtnisse, Frankfurt a. M. 1996, S. 22.

Als Autor lauern überall Gefahren. Ich dachte, eine Leserschaft finden und ein wenig kommerziellen Erfolg haben, ist erstrebenswert. Das Überleben als Werk ist eine andere Liga.

 

Lob aufs Internet

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Das Exposé für meinen Roman sagt für den Prolog folgendes:

Vor seiner Emigration in die USA 1938 versteckt der jüdische Juwelier GERO LEVIN das Gros seines Schmuckes im Keller seines Hauses in Berlin-Oberschöneweide. So kommt er einer Enteignung durch die Nazis zuvor.

Levin hinterläßt seiner Familie eine kurze Zettelnotiz, worauf das Wort Schmuckkollektion und folgende Ziffernfolge steht:

33UUU9949413391

Diese Ziffernfolge hätte mich in den 90er Jahren noch mindestens einen Tag in der Bibliothek gekostet. Ob ich dann noch in der Lage gewesen wäre, eine Adresse in o.g. Koordinaten umzuwandeln, steht auf einem ganz anderen Blatt. Die Umrechnung hat mich dank der Seite www.deine-berge.de/Rechner/Koordinaten fünf Minuten gekostet.

 

Mein Roman - Lebensglück im Unrechtsstaat?

In letzter Zeit ist gelegentlich diskutiert worden, ob man in der DDR glücklich leben konnte. Natürlich hat jeder Mensch, unter welchen Umständen auch immer, die Möglichkeit, sein kleines persönliches Glück in der Familie, auf dem Gartengrundstück oder beim Briefmarkensammeln zu suchen und zu finden. Das ist so richtig wie banal. Doch darum geht es nicht allein. Die Frage lautet: Gab es ein wirkliches Lebensglück im Unrechtsstaat?

Die Antwort muss wohl lauten: Ja, dieses Glück gab es. Ein "Gespräch über Bäume" schloß eben nicht, wie Brecht meinte, das "Schweigen über so viele andere Untaten" ein. Fröhlichkeit und Lebenslust, Spaß und Ironie waren die wichtigsten Waffen im Kampf gegen die diktatorische Anmaßung, das Leben des Einzelnen bestimmen zu wollen.

Ein wenig später als Abschluß des Prologs:

Die alltägliche Diktatur und der diktatorische Alltag sind nicht voneinander zu trennen. Geborgenheit und Unfreiheit gehörten zusammen. Die Wärme der Gemeinschaft und die kollektivistische Totalkontrolle bildeten eine untrennbare Einheit.

Aus: Die heile Welt der Diktatur: Alltag und Herrschaft in der DDR 1971-1989, Stefan Wolle, Berlin 2013, S. 18

 

Mein Roman - Produktivität

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Es ist ein Jahr vergangen: nach einem halben Jahrhundert wollte ich mit meinem Roman loslegen. Und was habe ich bis heute geschafft: ein  Exposé in der ersten Fassung! Ich rechne das mal durch: mein Roman hat 29 Kapitel. Pro Kapitel brauche ich ein Quartal. Das ergibt eine Schreibdauer von über 7 Jahren. Und das ist noch die optimistische Planung!

Volker Kutscher

Derzeit lese ich die Krimireihe von Gereon Rath, der im Berlin der 30er Jahr ermittelt. Kutscher hat 6 Romane veröffentlich. Wie hat er das nur geschafft?

Am 03.11.2014 interviewt die Frankfurter Allgemeine Kutscher.

Vier Bestseller hat dieser Mann geschrieben, seit er 2004 seinen Redakteursvertrag kündigte, um Zeit für eine, wie er fand, geniale Idee zu haben. Vorher hatte er bei einem kleinen Verlag zwei Regionalkrimis veröffentlicht; die Vorstellung, bis zur Rente in seiner Heimatstadt Wipperfürth die Lokalzeitung zu verkörpern, hatte angefangen ihn zu langweilen.

Drei Jahre später erscheint Der nasse Fisch, Band 1 der Rath-Krimiserie.

Zwei Jahre musste Kutscher warten, er fürchtete schon, er müsse auf das Angebot seiner Frau zurückkommen, dass sie Vollzeit arbeite, während er sich als Hausmann versuche. „Ich bin nicht so gut im Haushalt“, sagt der Autor und grinst. Dann kam der Erfolg.

Zwei Jahre ohne Kutschers Einkommen. Und seine Frau, wenn ich das richtig verstehe, geht nur auf Teilzeit arbeiten. Vielleicht bedeutet Teilzeit in Köln das selbe wie Vollzeit in Brandenburg? Egal, es war ein sehr mutige Entscheidung. Und gottseidank hat die Familie sie getroffen. Zum ersten Mal bekommt die bedrohlichste deutsche Zeitepoche ein Gesicht - viele Gesichter! Sie ist nun für mich nicht mehr entmenschlicht, auch wenn Kutscher betont, dass manches nur “ausgedacht” ist.

Hamsterrad

Noch drehe ich mich im Hamsterrad. Und ich kann noch nicht einmal behaupten, dass es partout keinen Spaß macht. Da hilft mir wohl nur noch eine Routine im Tagesablauf, aber wann?

 

 

Mein Roman - Figurenensemble

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Immer vor Augen

Die Figuren sind im Groben gezeichnet. Einiges fehlt noch. Aber es stimmt schon, was die tausend Ratgeberbücher sagen: Wenn der Autor seine Figuren nicht kennt, wie soll es dann der Leser bewerkstelligen, sie kennenzulernen?

Ich muss mir beim Schreiben der Szenen die Figuren offen danebenlegen.

 

Plugin dita-ot-markdown 1.3: kein Zeilenumbruch möglich. Wollte Roman mit Hilfe von + Markdown schreiben - https://github.com/jelovirt/dita-ot-markdown/issues/48

 

Mein erster Roman

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Berlin-Oberschöneweide Herrenkonfektion

Ich mache Ernst

Da ich schon das zehnte Mal Randy Ingermansons How to Write a Novel Using the Snowflake Method amüsiert gelesen hatte und immer noch nichts passierte, wollte ich Ernst machen: ich meldete mich im Februar 2017 zu zwei VHS-Kursen an.

  1. Romane Schreiben (J. Kandzora und S. Mewe)
  2. Der erste Schritt zum Roman (J. Powalla)

Beide Kurse waren lehrreich. Die ersten beiden Dozenten durchliefen die Literaturwissenschaft im Schnelldurchlauf und gingen viele Beispiele anhand mitgebrachter Kopien durch. Frau Powalla brachte den Teilnehmern das Expose-Schreiben und die Literaturagenten nahe.

Autobiographisches

Beiden Kursen war gemein, dass sämtliche Teilnehmer autobiographisches zum Anlass nahmen, mit dem Schreiben anzufangen. Wir waren alle Betroffene! Das ist legitim, denn sehr vieles in den Texten eines Menschen ist autobiographisch. Und dennoch hatte diese geballte Ladung Betroffenheit einen reinigenden Lehreffekt: entlasse die Protagonisten so schnell wie möglich aus deiner autobiographischen Umklammerung, gewähre ihnen die Freiheit!

Texterfahrung

Welch unerotisches Wort - Texterfahrung! Doch ich habe sie gemacht. Ich musste in den Kursen eigene Texte schreiben, sie laut einem Publikum vorlesen und sie ggf. erklären - also “zu ihnen stehen”. Das war vielleicht die wichtigste Erfahrung aus beiden Kursen! Über das Wollen, einen Text zu schreiben, hin zum Schreiben und laut vorlesen. Und darüber sprechen.

Ach so: es wurden nie explizit in den Kursen darüber gesprochen: schreiben muss jeder seinen Roman natürlich selbst ;-)

 

Ich bin wichtig

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Ich bin wichtig

Auf meinem Weg zum Bestsellerautor stieß ich auf ein relativ altes Werk von Lajos Egri: Literarisches Schreiben, New York, 1965. Autoren sollen lernen, Charaktere zu gestalten.

Wichtig sein ist wichtig. Schockiert es Sie, wenn ich behaupte, dass alle Literatur auf diese These zurückzuführen ist? Gleich, welches Theaterstück, welchen Roman Sie lesen und ob es dort um Liebe oder Hass geht: hinter jedem Werk steht der Wunsch, wichtig zu sein. (Berlin, 2002, S. 27)

Wir haben es geahnt.

Wichtigkeit ist unser äußerster Schutzwall. Sie tut auch unserem Ego und unserer Gesundheit gut. Aber in einen Zustand der Sicherheit, wie wir ihn erträumen, kann sie uns nur sehr kurz versetzen. Denn leider ist Wichtigkeit eine leicht verderbliche Ware. Viele Menschen neiden Sie Ihnen, und viele versuchen, sie zu untermininieren und Ihnen zu nehmen.

Eine Fassade der Bedeutsamkeit zu errichten, ist uns angeboren. Denn im Schutz dieser Fassade verbergen wir unsere Angst - die Tochter der Unsicherheit und die Mutter aller menschlichen Gefühle. Wichtig sein ist lebenswichtig. (ebd. S. 34)

 

Egoist

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Egoist

Auf meinem Weg zum Bestsellerautor stieß ich auf ein relativ altes Werk von Lajos Egri: Literarisches Schreiben, New York, 1965. Autoren sollen lernen, Charaktere zu gestalten. Und da, so Lajos Egri, er sich am besten kennt, gibt er eine kurze Beschreibung seiner selbst.

Ich bin ein gieriger eifersüchtiger Egoist und ständig darauf aus, andere dazu zu bringen, mich zu lieben. Tag und Nacht grüble ich: Wie kann ich es anstellen, so wichtig zu sein, dass den Leuten gar nichts anderes übrig bleibt, als mich für einen tollen Kerl zu halten? Ich geb´s nicht gern zu, aber ich will am liebsten immer nur Zustimmung ernten.

So bin ich zu dem Schluß gekommen, dass es für alles, was ich sage, nur zwei Gründe gibt:

  1. Sympathie für mich zu gewinnen und
  2. zu zeigen, wie wichtig ich bin.

Das habe ich in meinem eigenen Schädel entdeckt. Zuerst hat es mir Angst eingejagt: "Unmöglich, dass ich das bin!" Aber auf den zweiten Blick sah ich leider schon wieder dasselbe. Es stimmt, das alles bin ich. (Berlin, 2002, S. 8)

 

Unsicherheit

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Unsicherheit

Auf meinem Weg zum Bestsellerautor stieß ich auf ein relativ altes Werk von Lajos Egri: Literarisches Schreiben, New York, 1965. Doch der Aspekt der Unsicherheit war mir neu.

So paradox es klingt, Haß und Liebe, Verrat und Treue entspringen der selben Quelle - der Unsicherheit. Gefühle tauchen in unterschiedlichster Gestalt auf, erfüllen jedoch alle den einen Zweck, unser Überleben zu sichern. Ohne Unsicherheit wäre Leben nicht denkbar, auch wenn - oder gerade weil - wir Todesängste ausstehen, wenn wir uns nicht sicher fühlen. (Berlin, 2002, S. 24)

Ohne Unsicherheit gäbe es keinen Fortschritt. Alles würde stillstehen. Leben wäre nicht denkbar. (ebd. S. 28)